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KEINE ENTWICKLUNG OHNE KRISE! VORSICHT VOR WARUM-FRAGEN!

Avatar of Sabine Strobel Sabine Strobel - 22. August 2018 - Beratung, Coaching

Aus der Coaching-Praxis: Veränderungen anhand der Entwicklungsspirale verstehen und damit persönliche Krisen als Teil des Lebens akzeptieren – die erste Voraussetzung für einen vorwärtsgewandten Blick und neue Ziele.

Bevor ich meine Coaching-Kunden in Veränderungsprozessen die Entwicklungsspirale zeige, lasse ich sie ihr eigenes Entwicklungsbild auf der Flipchart visualisieren. Häufig entsteht im Rückblick eine Aufwärtsbewegung der beruflichen Laufbahn. Interessant ist, dass in unserer Gesellschaft Rückschritt eher nicht vorgesehen ist („Mythos Wachstum“), die Kurven der Coachees zeigen immer mehr oder weniger steil nach oben. Ich interveniere im Coaching und frage nach den Ausnahmen: „Ging es in den letzten Jahren wirklich immer aufwärts? Wann nicht?“ Dann korrigiert häufig der Coachee seine Sichtweise und sagt: „Ja, manchmal gab es auch kleinen Dellen“ und zeichnet dann Dellen in die Aufwärtskurve.

Die eigene Entwicklung aus dem Rückblick – vor und nach der Intervention
Die eigene Entwicklung aus dem Rückblick – vor und nach der Intervention

 

Abbildung 1a und 1b: Die eigene Entwicklung aus dem Rückblick – vor und nach der Intervention

Sind Menschen unzufrieden in ihrem Job (Krise im System), visualisieren sie dies häufig durch eine gerade Linie oder einen Knick als Stillstand ihrer Entwicklung. Manchmal wird dann der Wunsch nach neuen Aufgaben, einem wertschätzenden Umfeld oder mehr Gehalt formuliert. Wenn der Klient aber in einer Krise des Systems steckt, zeigt die Kurve abwärts. Ein Gefühl der Verzweiflung und Ausweglosigkeit breitet sich aus, erst als Schock, dann die Verneinung der Krise, später die Einsicht1. Dieses Phasenmodell bildet auch das Verhalten und Diskrepanzerlebnis bei Change-Management-Prozessen ab.

Als eine Coaching-Kundin in einer Krise zu mir kam, fehlte ihr die Akzeptanz der eigenen Situation; sie war (noch) nicht so weit, neue Wege aus der Krise zu gehen und neue Verhaltensmuster auszuprobieren. Sie stellte immer wieder Fragen wie „Warum passiert gerade mir das?“ und „Wann ist die Krise endlich vorbei?“ und nährte damit ihre Verzweiflung und Unzufriedenheit. Denn Warum-Fragen sind in die Vergangenheit gerichtet und dienen häufig nicht dazu, Lösungen zu finden, sondern den Schuldigen zu suchen. Sie blockieren den Denker. Die Beantwortung einer Warum-Frage löst häufig die nächste Warum-Frage aus – eine Abwärtsspirale des negative Denkens wird in Gang gesetzt. Das Ergebnis ist dann eine passive, handlungsgelähmte Opfer-Perspektive als Basis der eigenen inneren Haltung. Sätze wie "Die anderen sind schuld", "Ich kann nichts mehr tun, um aus der Krise zu kommen" oder "Keiner kann mir helfen" kreisen endlos im Kopf. Damit Coachees erkennen, dass in jeder Krise eine Chance2 steckt und dass eine Krise auch Sinn machen kann, setze ich das Modell der Entwicklungsspirale ein. Sie gibt Hoffnung, da sie sichtbar macht, dass eine Abwärtsbewegung die Voraussetzung für eine Weiterentwicklung sein kann. Die Spirale fördert die Akzeptanz in einer Krise und senkt die Erwartungshaltung. Es ist also "normal" in einer Krise zu stecken, es ist wichtig auch mal einen Rückschritt zu machen, um Erfahrungen und Kräfte für die nächsten Entwicklungsschritte zu sammeln. 

Das Typische an der Entwicklungsspirale ist, dass ein scheinbarer Rückschritt (roter Pfeil nach unten) Bestandteil oder Voraussetzung eines Fortschritts (schwarzer Pfeil nach oben) ist.

Abbildung 2: Das Modell der Entwicklungsspirale
Abbildung 2: Das Modell der Entwicklungsspirale

Folgende Phasen gibt es bei der Entwicklungsspirale:

  • Startphase: Es geht aufwärts, der Reiz des Neuen, starkes Wachstum
  • Erster Wendepunkt „Krise im System“ – Was kann ich optimieren?
  • Phase des geringen Wachstums, Erfahrungen, Wiederholungen, Stabilität, Sicherheit
  • Zweiter Wendepunkt „Krise des Systems“ – Was mache ich hier eigentlich?
  • Phase des Zweifelns, es geht abwärts, keine Entwicklung sichtbar

Im Coaching muss der Coachee bewusst und aktiv für sich entscheiden, ob er Anstrengungen unternimmt, um einen Schritt weiter zu gehen und damit einen Neuanfang wagt. Es tritt also erst eine Verschlechterung ein und danach ist der Weg frei zur nächsten Entwicklungsstufe 3. Oder der Coachee entscheidet sich bewusst dafür, erst einmal nichts aktiv an seiner Situation zu ändern und im „Kleingarten“ (schraffiertes Oval in der Zeichnung), also in Sicherheit, zu bleiben. Häufig geht damit eine neue Bewusstheit einher, die dazu beiträgt, dass der Aufhalt im Kleingarten – also im jetzigen Unternehmen, in der jetzigen Situation, in der Krise – akzeptiert und zum Teil auch wertgeschätzt wird. Vielleicht ist es erstrebenswert, die nächste Entwicklungsstufe zu gehen, aber auch die Entscheidung für den „Kleingarten“ ist ebenfalls ein Schritt in die nächste Stufe: "Ich kenne dort schon alles, meine Kollegen, meine Aufgaben, meinen Chef. Also nutze ich die Zeit, um mich zu konsolidieren und mich zu sortieren, mir neue Ziele zu setzen." Der Coachee soll in Ruhe überlegen. Nichts überstürzen. Kognitive Entscheidungen treffen und auf sein eigenes Bauchgefühl hören. Nicht auf das, was andere Menschen denken oder sagen.

Eine Krise des Systems ist also eine instabile Phase, aus der ein Neuanfang oder eine Chance auf Trennung wachsen kann. Das System erneuert sich. Ohne Krisen sind keine Entwicklung und kein Lernen möglich. Die Aufgabe des Coaches ist es, den Coachee dabei zu begleiten, seine Entscheidungen bewusst zu treffen und Verantwortung dafür zu übernehmen. Dabei kann ich als Coach die Krise in einen anderen Zusammenhang stellen und sie als Entwicklungsmotor für den Coachee nutzen. 

Paradox ist, dass der Mensch immer will, dass alles anders wird, dabei braucht er Stabilität.

1 Das Phasenmodell für Krisen, Kurt Lewin (1947) aus Björn Migge, 2007, S. 99

2 Das chinesische Schriftzeichen für Krise besteht aus zwei Teilen: der eine symbolisiert Gefahr, der andere Chance. D.h. eine Krise ist eine gefährliche Chance.

3 Die Stufentheorie lässt sich mit Erkenntnissen aus der Gehirnforschung belegen, die besagen, dass die Aneignung neuer Fähigkeiten nicht linear vonstattengeht, sondern in Schüben.

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